Ana stand einfach so da und bekam kein Wort heraus. Ihr Herz raste, sie schwitzte wie wild und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Und dann passierte es. Sie konnte ihre Tränen und alles was sich bisher an Gefühlen zusammengestaut hatte, nicht mehr zurückhalten. Von ihrer Angst in die Ecke gedrängt, stürmte sie in Windeseile aus dem Hörsaal und ließ verwunderte Blicke ihrer Mitstudierenden und die des Professors hinter sich. Niemand konnte sich erklären, weshalb Ana so reagierte und ihre Deutschprüfung auf diese Art und Weise abbrach.
“Ich kann einfach kein Deutsch, ich werde es nie können, ich lass es sein! Was habe ich mir überhaupt eingebildet, als ich es inskribiert hatte? Es reicht, ich hasse es” dachte sie sich auf dem Weg ins Studentenheim. Dort angekommen musste sie erstmal etwas gegen ihre pochenden Kopfschmerzen einnehmen. Für den Rest des Tages hatte sie vor, sich unter der Bettdecke zu verkriechen und war enorm froh, dass ihre Mitbewohnerin erst spät am Abend nach Hause kommen würde. So konnte sie sich, ohne dass jemand auf sie einredet, eine Strategie überlegen, wie sie es am besten angehen konnte, ihren Eltern beizubringen, dass sie das Deutschstudium so kurz vor dem Ende wirklich abbrechen möchte und dass auch das Auslandsjahr in Österreich nichts an ihrer Entscheidung ändern würde. Ja, sie mochte Deutsch, aber sie hätte das Deutschlernen einfach beim Hobby belassen sollen.
Plötzlich klopfte es heftig an ihrer Tür, was sie völlig aus ihren Gedanken riss. Kaum hat sie die Türe aufgesperrt, lief Sandra, ihre Mitbewohnerin, eher als erwartet freudestrahlend hinein und erzählte ihr voller Stolz, dass ihre Bachelorarbeit mit einem <Gut> benotet wurde und sie ihrer Lektorin (mir) ewig dankbar sein würde. Als sie nach ihrer Euphoriewelle mitbekam, dass Ana einen schlechten Tag hatte und es wieder einmal mit ihrer Angst vor dem freien Sprechen in Deutsch zu tun hatte, machte sie ihr erstmal einen kräftigen Kaffee und beschloss, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Sie wollte ihrer Freundin helfen und schlug ihr vor, einen Einzelunterricht in Deutsch bei mir zu machen. Ana dachte sich „Was soll das bringen?“, wusste aber auch, dass Sandra nicht locker lassen würde und meldete sich via Facebook bei mir.
Nach einem intensiven Gespräch und der ersten Probeeinheit beschloss sie, der Fremdsprache, die sie einst so liebte und nun nicht mehr ausstehen konnte, noch eine Chance zu geben. Mit der Zeit und vielen praktischen Konversationseinheiten lösten sich über Jahre hinweg aufgebaute Sprachbarrieren, wodurch auch das sprachliche Selbstvertrauen von Ana aufblühte. Nach und nach traute sie sich auch, mit Fremden auf Deutsch zu sprechen und lernte, dass Fehler beim Sprechen nichts Schlimmes sind. Mit dieser Einstellung gelang es ihr auch, neue Kontakte in Graz zu knüpfen. Bis zum Ende des Aufenthaltes in Graz hatte Ana ihre Prüfung, die sie einst abgebrochen hatte, mit einem „Befriedigend“ bestanden und viele neue Freundschaften geknüpft. „Viel wichtiger jedoch ist, dass ich Deutsch wieder lieben lernte“ sagte sie mir bei ihrer Abschiedsfeier. Mittlerweile lebt sie in den USA und arbeitet unter anderem als Dolmetscherin für die Sprachenkombination Englisch/BKS/Deutsch. Um nun da zu sein, wo sie jetzt ist, musste sie ihre eigenen Ängste überwinden und an sich glauben. Überquere auch du diese Brücke und schau, wohin dich dein Mut verschlägt. Mach es wie Ana! Sei wie Ana!
